Emil Theodor Kocher (25. August 1841 – 27. Juli 1917) war ein Schweizer Chirurg aus Bern, bekannt für seine Kropfoperationen und Schilddrüsenforschung. 1883 entdeckte er die Ursache der Cachexia thyreopriva, erkannte die Bedeutung des Jods für die Schilddrüsenfunktion und erhielt 1909 als erster Mediziner den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. (Kurzdefinition nach www.wissen.de)
Herkunft und akademischer Werdegang in Bern
Theodor Kocher wurde als zweiter Sohn des Ingenieurs Jakob Alexander Kocher (1814-1893) und dessen Frau Maria geb. Wermuth (1820-1900) am 25. August 1841 in Bern geboren. Einige Kinderjahre verbrachte er in Burgdorf. Nach dem Besuch des Literargymnasiums immatrikulierte er sich 1858 an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern und wurde Mitglied des Zofingervereins. 1865 doktorierte er «summa cum laude». Es folgten Studienaufenthalte in Zürich (1865), Berlin (1865-1867) sowie London und Paris (1867). Zurückgekehrt habilitierte er sich und wurde chirurgischer Assistent am Inselspital (1867). 1869 eröffnete er eine eigene Praxis und heiratete Marie (1850-1925), die einzige Tochter des Grosskaufmanns Johannes Witschi; aus der Ehe gingen drei Söhne hervor. 1872 wurde Kocher in Bern zum ordentlichen Professor für Chirurgie gewählt. 1880 schlug er einen Ruf an die Universität Prag aus, nutzte ihn aber, um den Neubau des aus dem 18. Jahrhundert stammenden Inselspitals voranzubringen (Einweihung der 1. Etappe 1884). Kochers Ruhm wuchs rasch: Er galt gleichermassen als Forscher und praktischer Chirurg wie als charismatischer Arzt und Dozent.
Wirken als Chirurg und Forscher
In den Jahren 1904-1905 liess Kocher an der Schlösslistrasse eine Privatklinik mit 25 Zimmern bauen, den «Ilmenhof». Dieses «Kocherspital» führte später einer der Söhne weiter, Privatdozent Dr. med. Albert Kocher (1872-1941). Neben dem Krankenhaus stand das Gästehaus, das heutige «Haus der Universität». Unter Kocher studierten viele ausländische Studierende, darunter – mit Zustimmung von Regierungsrat Albert Gobat – auch russische Emigrantinnen und Emigranten. Unter den Patientinnen ist Nadeschda Konstantinowa Krupskaja zu nennen, die Frau Lenins, die sich 1913 von Kocher operieren liess.
Nobelpreis und wissenschaftliches Vermächtnis
Stationen von Kochers Ruhm waren: das Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (1901), der Vorsitz des Ersten Internationalen Chirurgenkongresses in Brüssel (1905, mit Kochers Aufforderung zur Krebsforschung), die Auszeichnung mit dem Nobelpreis (1909, als erster Mediziner überhaupt) für seine «bahnbrechenden Arbeiten über die Physiologie, Pathologie und Chirurgie der Schilddrüse» sowie die Feier zum 40. Jahrestag seiner Ernennung zum Ordinarius am 22. Juni 1912. Diese Feier vergalt er durch die Errichtung der Theodor-Kocher-Stiftung zur «Erweiterung der wissenschaftlichen Forschung» mit einem Kapital von 200’000 Franken; die Öffentlichkeit dankte ihrerseits mit der Umbenennung der Inselgasse in Theodor-Kocher-Gasse.
Als Wissenschaftler wurde Kocher 1870 bekannt durch eine neue Reduktionsmethode bei Schulterverrenkungen. «Durch seine grundlegenden Arbeiten auf dem Gebiete der Antisepsis und Asepsis, der Schussverletzungen, der Leibesbrüche, der Knochenbrüche, der chirurgischen Krankheiten der männlichen Geschlechtsorgane, des Gehirns und Rückenmarks, des Magens und Darmes, durch die Entdeckung der Funktion der Schilddrüse und durch seine Operationslehre, die in fünf Sprachen übersetzt worden ist, wurde er zu einer Autorität von Weltruf» (HBLS). Theodor Kocher soll eigenhändig 6000 Operationen an der Schilddrüse ausgeführt haben. Er starb am 27. Juli 1917 in Bern. Mutter und Gemahlin Kochers stammten aus Herrnhuterkreisen; nach vielen Zeugnissen war auch der berühmte Chirurg gottesfürchtig. Er übte private Wohltätigkeit, insbesondere unentgeltliche ärztliche Behandlung ärmerer Personen; zusammen mit seiner Frau stiftete er zudem das Chorfenster der Blanche Église von La Neuveville.
Kurzfakten zu Emil Theodor Kocher
- Geboren: 25. August 1841 in Bern – gestorben: 27. Juli 1917 in Bern
- Nobelpreis für Physiologie oder Medizin: 1909, als erster Mediziner überhaupt
- Wirkungsstätte: Inselspital Bern und Universität Bern, Professor für Chirurgie ab 1872
- Bekannt für: Kropf- und Schilddrüsenchirurgie, rund 6000 Schilddrüsenoperationen
- Vermächtnis: Theodor-Kocher-Stiftung, Theodor-Kocher-Gasse in Bern
Bern hat neben Kocher weitere prägende Köpfe hervorgebracht oder beherbergt – von Wissenschaftlern bis zu Kunstschaffenden wie dem Maler Paul Klee, der Jahrzehnte später ebenfalls in der Stadt lebte und arbeitete. Einen Überblick liefert unsere Zusammenstellung der prägendsten Schweizer Künstlerinnen, Künstler und Gestalter.
Literatur und Quellen
Lit.: Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz, Bd. 4. Neuenburg 1924, 519 (s.v. Kocher). – EDGAR BONJOUR: Theodor Kocher. In: Neue Deutsche Biographie, hrsg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaft, Bd. 12. Berlin 1980, 282-283 (der Verfasser war Gemahl einer Enkelin Kochers). – EDGAR BONJOUR: Theodor Kocher (Berner Heimatbücher, Bd. 40/41). 2., stark erw. Aufl., Bern 1981. – URS BOSCHUNG (Hrsg.): Theodor Kocher, 1841-1917. Beiträge zur Würdigung von Leben und Werk. Bern, Stuttgart und Toronto 1991.
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Quelle: Georg Germann, Biographien – Bernisches Historisches Museum 1996.
