Republik Irak – Al-Jumhuriyah al-‚Iraqiyah

Heute um 22.15 Uhr sendet das ZDF das Fernsehspiel Live aus Bagdad über die Arbeit der CNN-Reporter im Irak 1990/91. Der Film basiert auf dem Roman des damaligen Leiters des CNN-Reporterteams in der irakischen Hauptstadt, Robert Wiener.

Es scheint uns wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Film die im Vorfeld des Golfkrieges 1991 von der Public Relations-Firma Hill & Knowlton (H&K;) erwiesenermassen erfundene und inszenierte Brutkasten-Story als reales Ereignis präsentiert, obwohl schon seit elf Jahren bekannt ist, dass es sich dabei um eine Propagandalüge handelt. H&K; und Mitglieder des US-Kongresses hatten damals die Horrorgeschichte lanciert, plündernde irakische Soldaten hätten in Kuwait Brutkästen aus Krankenhäusern gestohlen und insgesamt über 300 Frühgeborene auf dem Fussboden zurückgelassen, wo sie starben. Das Ziel dieser Propagandalüge war es, zweifelnde Politiker und insbesondere auch die Bevölkerungen in den USA und anderen Staaten der Anti-Hussein-Koalition von der Notwendigkeit eines Waffenganges am Golf überzeugen.

Robert Wiener, Co-Autor von Live aus Bagdad (im Film dargestellt von Michael Keaton), gab bereits im November in einem CNN-Interview zu, wider besseren Wissens am Film-Manuskript gearbeitet zu haben: Die [Brutkasten-]Geschichte stellte sich als Lüge heraus, weil keine der Anschuldigungen … je bewiesen werden konnte. Live aus Bagdad ist keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm, der aber bei den Fernsehzuschauern den Eindruck erweckt, dass die Ereignisse tatsächlich so stattgefunden haben, wie im Film behauptet.

Wir können nicht verstehen, dass das ZDF jetzt, möglicherweise am Vorabend eines neuen Golfkrieges, seine Sendezeit dazu hergibt, diese in den USA aus naheliegenden Gründen hochumstrittene Produktion in der Bundesrepublik auszustrahlen. Wir weisen darauf hin, dass die Bevölkerung hier, ebenso wie in vielen anderen Staaten, mehrheitlich gegen einen neuen Golfkrieg ist und dass es nicht in ihrem Sinne und nicht im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit Krieg, Kriegspropaganda und der mehr als problematischen Rolle der Medien dabei, sein kann, dass hier ein Gräuelmärchen, das 1990/91 zur Legitimation des damaligen Krieges beigetragen hat, gerade jetzt in dieser Form nachträglich und fälschlich noch einmal als Tatsache dargestellt wird.

Wir kritisieren ausserdem nachdrücklich, dass auf der aktuellen Internetseite des ZDF zum Film (www.zdf.de/ZDFde/tv_ tipp/0,2230,2100315,00.html), sei es aufgrund unzureichender Recherchen oder sogar bewusster Vorenthaltung durch die Redaktion, kein einziger Hinweis auf diese Problematik zu finden ist.

Wir fordern alle Fernsehzuschauer auf, sich an das ZDF (Postfach 4040, 55100 Mainz, Tel.: 06131/702161, Fax: 06131/702170, E-Mail Redaktion Montagskino über www.zdf.de/ZDFde/kontakt/kontakt_popup/0,2016,montagskino,00.html) zu wenden und gegen die Geschichtsklitterung, die im Film betrieben wird zu protestieren.

Wir erwarten darüber hinaus vom ZDF, dass es, um den hier verursachten politischen und gesellschaftlichen Schaden zu begrenzen, so schnell wie möglich eine Sendung gestaltet, in der unter Einbeziehung unabhängiger Experten ausführlich über die Hintergründe der Kriegspropaganda damals wie heute aufgeklärt wird.

Die Brutkasten-Story

Der US-Kabelsender HBO, wie CNN im Besitz des Medienkonzerns Time Warner Entertainment Company, produzierte Live from Baghdad nach eigenen Angaben als Doku-Drama (= Spielfilm auf der Basis wahrer Begebenheiten) über die CNN-Golfkriegsberichterstattung 1991. Als die, laut HBO-Pressetext, echte Hintergrund-Story am 4. Dezember 2002 in den USA erstmals ausgestrahlt wurde, schlug die amerikanische Medienorganisation Fairness and Accuracy in Reporting (FAIR) jedoch angesichts der dargestellten Hintergründe Alarm (1): Live from Baghdad präsentiert die im Vorfeld des Golfkrieges von der Public Relations-Firma Hill & Knowlton (H&K;) erwiesenermassen erfundene und iszenierte Brutkasten-Story als reales Ereignis, obwohl schon seit elf Jahren bekannt ist, dass es sich dabei um eine Propagandalüge handelt. Kurz vor dem ersten Jahrestag des Golfkriegsbeginns, am 6. Januar 1992, hatte der US-amerikanische Publizist und Herausgeber des hochangesehenen Harper’s Magazine, John MacArthur, in seinem New York Times-Artikel Remember Nayirah, Witness for Kuwait? (2) die Lügengeschichte entlarvt, das WDR-Magazin Monitor berichtete am 29.3.1992 von MacArthur’s Enthüllungen und lieferte weitere Fakten nach.

Zum Hintergrund: Im Spätsommen 1990 hatte die in den USA operierende kuwaitische Lobbyorganisation Citizens for a free Kuwait die weltweit grösste PR-Agentur Hill & Knowlton für eine Kampagne engagiert, die im Vorfeld des Waffenganges gegen den Irak 1990/91 nicht nur zweifelnde Politiker, sondern insbesondere auch die Bevölkerungen in den USA und den anderen Staaten der Anti-Hussein-Koalition von der Notwendigkeit eines Waffenganges am Golf überzeugen sollte. H&K; kassierte für ihre Bemühungen allein in den ersten 90 Tagen ab Anfang August 1990 mehr als fünfeinhalb Mio. und insgesamt 10,8 Millionen US-Dollar. (3)

Das wohl international Aufsehen erregendste Element der H&K-Kampagne; war die Verbreitung der Greuelgeschichte, plündernde Soldaten der irakischen Besatzungsmacht hätten in Kuwait Brutkästen aus Krankenhäusern gestohlen und insgesamt über 300 Frühgeborene auf dem Fussboden zurückgelassen, wo sie starben. In einem Hearing vor dem Menschenrechtsausschuss des US-Kongresses am 19. Oktober 1990 berichtete ein 15-jähriges Mädchen namens Nayirah, die man als geflüchtete kuwaitische Schwesternhelferin und Augenzeugin vorstellte, sie selbst habe im al-Adan Hospital in Kuwait City beobachtet, wie irakische Soldaten 15 Babies aus Brutkästen nahmen und auf dem Steinboden sterben liessen. Die Vorsitzenden des Ausschusses, Tom Lantos, Demokratische Partei, und John Edward Porter, Republikaner, baten während des Hearings um Verständnis dafür, dass der Ausschuss Nayirahs wahre Identität verheimlichen müsse, um deren Familie in Kuwait vor Repressionen zu schützen.

John MacArthur berichtete später: Kein Teilnehmer des Hearings, auch kein Reporter, fragte. ‘Nayirah, das ist eine schreckliche Geschichte und ich bin den Tränen nahe. Aber was hast Du getan? … Hast Du Hilfe gerufen? Was ist dann geschehen?’ Die elementarsten Fragen die ein Reporter stellen sollte, wurden nicht gestellt. Nayirah war ein fantastischer Propagandaerfolg. Hill & Knowlton produzierten einen brillianten Nachrichtenfilm über das Hearing und verteilten ihn weltweit. Millionen Menschen sahen das Video in den NBC Nightly News. … Das war der Beginn, die Kampagne ‘bekam Beine’, wie wir im Public Relations- und Nachrichtengeschäft sagen. (4)

Am 27. November 1990 wiederholte Nayirah ihre Schilderungen sogar vor dem UN-Sicherheitsrat, gemeinsam mit einem weiteren Augenzeuge, der als Chirurg Dr. Behbehani vorgestellte wurde und nach eigenen Angaben einem Begräbnis von 40 Babies beigewohnt hatte, die auf die gleiche Weise ermordet worden waren.

Der Coup gelang. Die Horrorstory beeinflusste die Debatte über eine militärische Intervention in den nächsten Monaten nachhaltig und sogar Amnesty International übernahm die Geschichte und prangerte die Verbrechen der irakischen Besatzungsarmee in Kuwait an.

Nach John MacArthur hatte keine der vielen Anschuldigungen gegen Saddam Hussein mehr Einfluss auf die öffentliche Meinung in den USA als die von den ermordeten Babies in den Hospitälern von Kuwait City. (5)FNT 5 Umfragen hätten gezeigt, dass 50 Prozent der Bevölkerung weitere Sanktionen, 50 Prozent ein militärisches Eingreifen forderten. Als der US-Senat am 12. Januar mit einer äusserst knappen Mehrheit die Kriegsresolution der Bush-Administration befürwortete, gaben sechs Senatoren an, die Brutkasten-Geschichte sei der ausschlaggebende Grund für ihre Entscheidung gewesen, einem Krieg zuzustimmen. (6) Die Brutkasten-Story hielt sich nicht nur bis Ende des Krieges in den Massenmedien, sondern wurde auch von den Regierungen der am Krieg beteiligten Anti-Hussein-Koalition immer wieder zur innenpolitischen Legitimation des Waffengangs gegen den Irak vorgebracht.

Der ABC-Reporter John Marti war der erste Journalist, der nach der Befreiung Kuwaits den Behauptungen über die Ermordung kuwaitischer Babies nachging. Er interviewte Krankenhausärzte, die während der irakischen Besetzung im Land geblieben waren und niemand von ihnen konnte Nayirahs und Dr. Behbehanis Behauptungen bestätigen. Auch verschiedene Menschenrechtsgruppen forschten nach und konnten ebenfalls keine Hinweise darauf finden, dass die Brutkasten-Story einen realen Hintergrund hatte. Amnesty International distanzierte sich von der Geschichte.

Wie sich später herausstellte, war Dr. Behbehani ein Zahnarzt und kein Chirurg, der nach dem Krieg offen zugab, dass er gelogen hatte. (7) Bei Nayirah, das fand John MacArthur heraus, handelte es sich in Wirklichkeit um die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA, Saud Nasir al-Sabah. Wo sie sich im August und September 1990 aufgehalten hatte, konnte MacArthur damals nicht ermitteln. Die kuwaitische Botschaft reagierte auf seine Nachfragen schroff; sie verweigerte jegliche Stellungnahme und schirmte Nayirah vor der Presse ab. MacArthurs Recherchen über die Hintergründe der Brutkasten-Lüge förderten nicht nur zutage, dass der Vizepräsident von Hill & Knowlton, Gary Hymel, direkt an der Vorbereitung des Kongress-Hearings mit Nayirah im Oktober 1990 beteiligt war, sondern auch, dass die beiden Kongressabgeordneten Tom Lantos und John Edward Porter, die Nayirah vor den Menschenrechtsausschuss des US-Kongresses geladen hatten, enge Verbindungen zu H&K; und ihrem Auftraggeber Citizens for a Free Kuwait pflegten: Die Spendenorganisation des Menschenrechts-Ausschusses, die Human Rights Foundation, die Lantos und Porter 1985 selbst gegründet hatten, residierte zu einem verminderten Mietpreis im H&K-Stammhaus; und die Citizens for a Free Kuwait hatten der Stiftung nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait 50.000 US-Dollar gespendet.

Live from Baghdad: Die Erneuerung der Brutkasten-Lüge durch HBO

Die HBO-Produktion, die heute im ZDF ausgestrahlt wird, stellt die skizzierte Propaganda-Story nicht nur als reale Begebenheit dar, sondern auch als Beispiel dafür, wie Saddam Hussein während des Golfkrieges 1991 westliche Journalisten zu Propagandazwecken missbraucht haben soll: Gleich nach Bekanntwerden der Gräueltaten, so heisst es in Live from Baghdad, hätte die irakische Regierung mehrere CNN-Reporter zu Nachrecherchen nach Kuwait eingeladen und Treffen mit vorgeblichen Augenzeugen inszeniert, um die Tatsachenberichte als Gerüchte zu entkräften. Die CNN-Leute seien gezielt instrumentalisiert worden, so HBO, um aus der Wahrheit eine Lüge zu machen. Robert Wiener, Co-Autor von Live from Baghdad (im Film dargestellt von Michael Keaton), gab schon im November in einem CNN-Interview zu, wider besseren Wissens am Film-Manuskript für HBO gearbeitet zu haben: Die [Brutkasten-]Geschichte stellte sich als Lüge heraus, weil keine der Anschuldigungen … je bewiesen werden konnte. (8)

Nachdem die Ausstrahlung von Live from Baghdad in den USA eine Flut kritischer Reaktionen auslöste, reagierte der Sender, wenn auch eher halbherzig, indem er auf seiner Internetseite zum Film John R. MacArthurs ersten Artikel Remember Nayirah, Witness for Kuwait? vom 6.1.1992 dokumentiert. Dazu, dass die von MacArthur und anderen Journalisten dort (und später) aufgedeckten Hintergründe in krassem Widerspruch zu den Darstellungen im Film stehen, heisst es auf der Seite: Im Zeitraum, auf den sich unser Film bezieht, kursierte die weitverbreitete Behauptung, irakische Soldaten hätten Babies aus Brutkästen genommen. Diese Behauptung konnten nie bewiesen werden. (9) Dieser Text erscheint nun auch im Nachspann des Films.

FAIR begrüsste Anfang Januar zwar die Reaktion von HBO, kritisiert sie aber zugleich als nicht ausreichend: Da die meisten TV-Zuschauer den Nachspann eines Films nicht lesen, ist zu bezweifeln, dass viele die Klarstellung überhaupt wahrnehmen. Auch wenn es hilfreich ist, dass HBO das Problem im Film bestätigt, ist die Bemerkung, dass die ‘Behauptung nie bewiesen werden konnte’ eine Untertreibung. Es wäre korrekter, darauf hinzuweisen, dass die Versuche, die Story nach dem Golfkrieg zu bestätigen, aufgedeckt haben, dass sie eine Erfindung war. Zum Beispiel erklärte ein Vertreter des kuwaitischen Gesundheitsministriums gegenüber ABC’s World News Tonight am 15. März 1991: Ich glaube, dass das einfach nur ein Teil der Propaganda war. (10)

Quellen
1. Zit. nach FAIR Action Alert: HBO Recycling Gulf War Hoax? December 4, 2002.
2. MacArthur, J. R.: Remember Nayirah, Witness for Kuwait? In: The New York Times, Op-Ed, January 6, 1992.
3. Ders.: Die Schlacht der Lügen. Wie die USA den Golfkrieg verkauften. München 1992, S. 60. Nur noch im Original auf dem Markt; Titel: Second Front: Censorship and Propaganda in the Gulf War. University of California Press, 1. September 1993.
4. Zitiert nach: John MacArthur auf dem Independent Policy Forum: Censorship and Propaganda in the Gulf War: How Government Can Mold Public Opinion. am 7.10.1993. Transkript
5. PR Watch: How PR Sold the War in the Persian Gulf. Excerpted from Toxic Sludge Is Good For You, Chapter 10, 1995.
6. Zitiert nach: John MacArthur auf dem Independent Policy Forum 1993, a.a.O.
7. Vgl.: John MacArthur auf dem Independent Policy Forum 1993, a.a.O.
8. Zit. nach FAIR Action Alert, a.a.O.
9. HBO: Live from Baghdad. Related Articles.
10. FAIR: ACTIVISM UPDATE: HBO Adds Disclaimer to Gulf War Movie. January 3, 2003.

Forschungsgruppe Informationsgesellschaft und Sicherheitspolitik (FOGIS)
Berlin, 24. Februar 2003

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